Es war einmal, vor drei oder vier Tagen, da schlug Dornröschen die Augen auf, zärtlich wach geküsst von den Strahlen der ersten Frühlingssonne.
Der Prinz neben ihr atmete ruhig und gleichmäßig, das leise Pfeifen, das er dabei von sich gab sagte ihr, dass er noch tief und fest schlief.
Vorsichtig befreite sich Dornröschen aus seiner Umarmung und setzte sich auf die Bettkante. Aus dem Kleiderhaufen neben dem Bett zog sie ein T-Shirt mit dem Werbeaufdruck eines Süßwarenherstellers. Der Prinz hatte dort einen Werbevertrag. Und es hatte ihm auch schon einiges an Geld eingebracht, dass diese trockenen Doppelkekse jetzt „Prinzenrolle“ genannt wurden. Sie schlüpfte in das Shirt und stand auf. Der Prinz streckte sich ein wenig in ihre Richtung, bevor er zufrieden lächelnd weiterschlummerte.
Dornröschen küsste ihn sanft auf die Stirn und deckte den Frosch, in den er sich sogleich verwandelte, mit dem weißen Laken zu.

Barfuß schlich sie sich aus dem Zimmer, hinunter in die Küche. Der Steinboden im alten Schloss war eiskalt, er erwärmte sich nicht einmal im Hochsommer.
„Wahrscheinlich verlässt der Kater deshalb seine Kammer nie ohne Stiefel“, dachte Dornröschen, als sie ihn in der Küche erblickte. Er sah Dornröschen grimmig an, aber sie ignorierte ihn einfach. Er war ein richtiger Morgenmuffel.
Dornröschen stellte Kaffee auf und suchte im Kühlschrank nach etwas Nahrhaftem für sich und den Prinzen. Sie hatten eine lange Nacht hinter sich. Außerdem liebte sie es im Bett zu frühstücken.

Offensichtlich war es wieder einmal Zeit für einen Großeinkauf. Den Apfelkuchen, den die Stiefmutter zu Schneewittchens Geburtstag gebacken hatte, hatte noch niemand angerührt. Und Aschenputtels Erbsen-Linseneintopf war auch nicht das richtige Frühstück. Dornröschen nahm zwei der sieben Tellerchen aus dem untersten Fach des Kühlschranks. Natürlich wusste sie, dass es wieder endlose Diskussionen geben würde und dieses ewige „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“

Sie goss drei Tassen Kaffee ein und stellte dem Kater eine vor die Nase.
Mit zwei Tassen und zwei Tellern machte sie sich auf den Weg in ihr Turmzimmer.
Gerade als sie die Türe öffnen wollte, hörte sie aus dem obersten Stock aufgeregtes Stimmengewirr.
„Nicht schon wieder“, dachte Dornröschen. Sie schlüpfte in ihr Zimmer, stellte das Frühstück neben dem Bett ab und küsste den Frosch, der daraufhin wieder zum Prinzen wurde. Sie schlüpfte in ihre Jeans und in die alten Turnschuhe, band ihre Haare zu einem lockeren Knoten hoch und zog schnell eine viel zu große Trainingsjacke über. Schnell nahm sie noch einen Schluck Kaffee und warf einen sehnsüchtigen Blick zum Prinzen in ihrem Bett. Dornröschen seufzte leise und machte sich auf den Weg in die Dachkammer. Sie hatte noch nie verstanden, wie sich jemand freiwillig die engen steilen Stufen hier hinauf quälen konnte.

Lautlos öffnete sie die Tür zu Rapunzels Zimmer. Es war wirklich klein und ein bisschen schäbig. Das einzig Gute an diesem Raum waren der verglaste Balkon und die Aussicht. Ja, die Aussicht war den Aufstieg wirklich wert, vor allem an einem sonnigen Frühlingsmorgen. Aber jetzt stand er da, mitten im Raum. Wie er es mit seinen breiten Schultern die engen Stufen heraufgeschafft hatte, konnte sich Dornröschen nicht erklären.
Er schien aufgebracht zu sein, war dreckig und stank.
Er redete auf Rapunzel ein. Sie wollte ihn offensichtlich möglichst schnell wieder aus ihrem Zimmer bekommen, aber gegen den bösen Wolf hatte sie keine Chance.
Dornröschen räusperte sich geräuschvoll.
Beide drehten sich zu ihr um. Rapunzel kaute nervös an einer losen Strähne ihres goldenen Haares und sah hoffnungsvoll und hilfeflehend zu Dornröschen.
Der Wolf hingegen wirkte verärgert und ein wenig beschämt, es würde schwierig für ihn werden, seinen neuerlichen Besuch im Schloss zu erklären, aber scheinbar zog ihn Rapunzel magisch an.

Er musste doch wissen, dass sie ihr Turmzimmer niemals für einen wie ihn verlassen würde und dennoch konnte er sich scheinbar nicht von ihr lösen. Rapunzel würde ihm nie sein räudiges Fell kraulen, dass musste ihm doch klar sein.

Dornröschen konnte es nicht verstehen.

Tatsächlich lebte der Wolf, seit einer mit der Großmutter vor sieben Jahren gemeinsam mit Rotkäppchen in dem kleinen Haus auf der Lichtung im tiefen, dunklen Wald.
Die Beziehung zwischen Rotkäppchen und ihm war eine sehr spezielle Sache, und Dornröschen wusste mehr davon als ihr lieb war, immerhin waren sie und Rotkäppchen seit langem beste Freundinnen.

Aber das gehörte alles zu einer ganz anderen Geschichte.